Nouris Tagebuch

Im Mai 2017 (siehe "Meine Pferde") ist der kleine Nouri eingezogen und wirbelt nun alles ordentlich durcheinander. Daher kam mir die Idee, einige Wegpunkte festzuhalten - für mich und für diejenigen, die sich vielleicht auch gerade einen "Youngster" angeschafft und ähnliche Erlebnisse haben. Also, viel Spaß beim Lesen! 

Ankunft

Nach langer, aber relativ stressfreier Fahrt kommt Nouri gemeinsam mit mir bei der Jungpferdekoppel in der Lüneburger Heide an. Erschöpft stürzt er sich auf die Willkommensportion Heu und seinen neuen Freund, der ihn, bis zur endgültigen Eingliederung in die "Jungsgruppe", begleitet. Diese klappt absolut problemlos: Nouri findet schnell Anschluss und gewöhnt sich ebenso schnell an das neue Leben in der altersgemischten Herde. Die erste Zeit besuche ihn in nur zum Kuscheln und schaue, wie es ihm geht und ob er sich weiterhin so gut einlebt. 


Es geht los...

Nach der Eingewöhnung startet so langsam der "Ernst des Lebens": Zum Beispiel Hufegeben. Das kennt Nouri zwar eigentlich, aber eben nicht mit mir. Ich übe zunächst erstmal die Vorderhufe und das Berühren der Hinterhufe. Führen klappt dagegen von Anfang an problemlos - ich kann ihn überall auf der Wiese hinführen, und er weicht sogar schon brav zurück und seitwärts. Ohne Strick interessiert es sich allerdings deutlich mehr für seine Kumpels als für mich - na klar, wir kennen uns ja auch noch kaum! Ich starte also mit einerr abgespeckten Baby-Version von Join Up...


erste Schritte

Fast 9 Wochen ist Nouri nun schon bei mir. Mittlerweile klappt das Hufegeben vorne sicher und hinten immer besser. Das "Mini-Join Up" hat Wirkung gezeigt: Nouri folgt mir jetzt auf abgegrenztem Raum ohne Strick über die Wiese, auch von den anderen weg. Wir haben bereits zweimal einen (sehr kurzen) Ausflug von der Wiese gemacht und Nouri hat mit großen Augen die weite Welt um sich herum in Augenschein genommen. Er bleibt dabei jedoch ganz ruhig und schaut sich alles interessiert an. Heute haben wir zum ersten Mal Teer erkundet - das war spannend! Ob man da auch laufen kann? Seine langen Beine muss er allerdings noch etwas einschätzen lernen - jede Baumwurzel wirkt wie ein Riesenhinderniss.... Ansonsten scheint er irgendwie von Tag zu Tag zu wachsen.


Wie viel soll/darf ein Jährling können?

Irgendwann ist man immer wieder an dem Punkt, wo man sich die Frage stellt: Mache ich alles richtig? Über- oder unterfordere ich mein Pferd? Mir geht es zumindest gerade so: Ich kann Nouri überall hinführen, er kommt mir (zumindest meist ;o)) freundlich ein kleines Stückchen auf der Wiese entgegen, lässt sich alle vier Hufe brav auskratzen, bleibt beim Putzen stehen, lässt sich durch leichte Berührung verschieben, geht mit mir den Weg neben der Wiese auf und ab... Also ein richtiger Musterjährling. Und trotzdem zweifele ich - ist das vielleicht zu wenig? Sollte er nicht schon viel mehr können? Gerade klemmt es beim Antraben am Führstrick - ich will, das Pferdchen nicht. Er lässt sich nicht beirren und kommt, trotz Schnalzen, Locken und Treiben, im gemächlichen Schritt hinter mir her. Das war schon mal besser, aber sollte ich mich jetzt durchsetzen (nach dem Motto: "Was Hänschen nicht lernt...") oder einen Schritt zurück gehen? Vor lauter Verzweiflung habe ich heute mal im Netz gegoogelt, was andere so mit ihren Jährlingen machen, und war schnell wieder ganz entspannt. Erstens: Nouri ist großartig! Andere Jährlinge steigen, beißen, reißen sich los oder lassen sich nicht von der Herde wegführen. Hut ab, kleiner Nouri! Zweitens: Die fast einhellige Meinung war, einen Jährling weitestgehend unbeschwert aufwachsen zu lassen. Was muss er denn schon können? Hufe auskratzen lassen, stehen bleiben, sich führen lassen, sich überall anfassen lassen. Alles andere verunsichert und überfordert ein Pferdekind und im schlimmsten Fall hat man ein verängstigtes Jungpferd, das dicht macht und mit dem Menschen nichts mehr zu tun haben will. Ich werde also ab jetzt wieder einen Gang zurück schalten, die Zeit des Aufwachsens intensiv genießen und mit Putzen, Führen und Kuscheln verbringen - also alles, was positiv ist und Vertrauen gibt. Denn auf unserer guten Beziehung möchte ich schließlich später aufbauen! 


Operation KreBs: einen zurück, zwei vor

Nachdem ich nun einige Wochen wirklich Pause gemacht und Nouri nur zum Kuscheln und Putzen besucht hatte, klappte heute auf einmal alles: Nouri hat Angst vor Wasserpfützen und vor dem Stromzaun, beides hat er heute tapfer mit mir gemeistert und sich danach an mich gekuschelt (nach dem Motto:" Mach das weg, Mama...!"). Als wir auf dem Weg ein kleines Stück spazieren waren, dachte ich mir: Jetzt oder nie - und siehe da, Nouri ist ganz entspannt angetrabt und an meiner Seite mitgetrabt. Ich übe nach wie vor viel an der Halfterführigkeit und das Verschieben seitwärts und rückwärts. Diese Woche kommt die Hufpflegerin, ich bin gespannt, wie er sich da benimmt. Mein Fazit für die Arbeit mit einem Jungpferd heute: Öfter mal einen Schritt zurück gehen, dann geht es um so schneller weiter!


Besuch beim Hufschmied

Nouri hat mit mir seinen ersten Hufpflegetermin in Hamburg überstanden! Er war unglaublich brav, und das viele Üben von Stillstehen und Hufe geben hat sich absolut ausgezahlt. Sogar hinten lief alles glatt! Nun ist er durch den Huf-TÜV und wieder einen Schritt weiter Richtung Erwachsenwerden gestiefelt.

Tipp: Eine andere Einstellerin hat das Hufegeben bei Ihrem Jungpferd mit Leckerli bestärkt. Das hat auch zuerst wunderbar geklappt, bis der junge Hengst immer distanzloser wurde und sie auf Leckerli verzichtet hat. Hier bestätigt sich, was ich über Leckerli in "Vertikal I" gelesen habe: Gerade bei (jungen) Hengsten sollte man absolut darauf verzichten, um den Knibbel- und Beißtrieb nicht noch zu verstärken. Eine freundliche, zugewandte Beschäftigung mit dem Pferd reicht völlig aus, um es auch ganz ohne Leckerli für sich zu gewinnen!


Kleiner Mann ganz groß!

Das kann doch nicht wahr sein - Nouri ist schon wieder gewachsen - so langsam wird aus dem Baby wirklich ein jugendliches Jungpferd! Und schon wieder fällt es ihm schwer, seine Beine zu sortieren. Kein Wunder, wenn die jeden Tag länger werden! Ich werde also in Zukunft mehr mit ihm spazieren gehen und Übergänge zwischen Schritt und Trab üben, um sein Körpergefühl zu verbessern. Am Sonntag waren wir zum ersten Mal eine richtige Runde mit meiner Freundin Nadine unterwegs, und da wegen des Sturmes ein Baum quer über dem Weg lag, musste Nouri auch gleich seine "Geländegängigkeit" beweisen. Eine gute Übung, die ich sicher wiederholen werde! Ansonsten ist er nach wie vor am Führstrick sehr brav und folgt auch von der Herde weg. So hoffe ich, dass wir in Zukunft viele schöne, entspannte Spaziergänge zusammen machen können, auch wenn das Wetter demnächst sicher immer weniger dazu einladen wird... 


Vom Leben mit einem Araber

Ich habe immer wieder gehört, dass Araber ganz besondere Pferde seien: menschenbezogen, robust und eben etwas "spinnig", halt typisch Araber. Zum Thema Araber und Dressurreiten reichen die Aussagen von "nur das" bis hin zu "geht gar nicht". Nun habe ich Nouri bereits ein Dreivierteljahr und kann bestätigen (auch im Vergleich zu Nobody): Ja. Er ist anders.

Je mehr ich mich mit ihm beschäftige, umso spannender und hilfreicher finde ich es, die Berichte anderer Araberbesitzer zu lesen: Welche Schwierigkeiten gab es in der Ausbildung, was sind die wirklich typischen Eigenschaften dieser "Trinker der Lüfte"? Vieles davon erkenne ich wieder, und ich muss sagen, das Leben mit einem Araber hat absolut seinen Reiz. Auch Nobody hat natürlich einen Begriff davon, wer ich bin und erkennt (so hoffe ich zumindest ;o)) mich unter anderen Menschen wieder, weil eine gewisse Bindung besteht. Mit Nouri habe ich allerdings zum ersten Mal die Erfahrung gemacht, regelrecht "eingeatmet" zu werden. Nachdem er zu mir gezogen war, suchte er immer wieder intensiven Körperkontakt und drückte seine Nase auffallend lang an meine Jacke oder meine Haare. Diese Beobachtung beschreiben auch viele andere Araberbesitzer, die Suche nach Körperkontakt und Nähe scheint also "typisch Araber" zu sein - immerhin durften die Pferde der Legende nach häufig mit den Beduinen im Zelt schlafen, und dabei wurde der Hals auch schon mal zum Kopfkissen. Daraus ergibt sich natürlich oft eine engere Bindung an die Bezugsperson als bei anderen Rassen. Oder, wie eine Araberbesitzerin schrieb, man bekommt "viel mehr als nur ein Pferd: einen Partner, ein Kind und einen Hund."

Noch mehr als bei anderen Rassen scheint beim Araber auch die Erziehung eine Rolle zu spielen. Man braucht viel Konsequenz und vor allem Ruhe, wird dafür aber, und auch das merke ich an Nouri, mit einem unglaublich höflichen und respektvollen Pferd belohnt, bei dem schon ein einfaches "nein" oder ein "ja, ich meine es WIRKLICH so" oft ausreicht. Dann ist auch von der viel kritisierten "Spinnigkeit" nichts zu spüren, Nouri erweist sich ganz im Gegenteil bei unseren Spaziergängen als extrem ruhig, überlegt und gelassen.  Das Vorurteil des "überdrehten Spinners" trifft aber sicher schnell zu, sobald diese Tiere grob, ungeduldig oder hektisch behandelt werden. Das nehmen einem Araber nämlich offensichtlich noch viel eher übel als andere Pferde. 


Wahre Freundschaft

Vor genau einem Jahr haben sich Nouri und sein Kumpel Henry auf der Jungpferdewiese kennengelernt. Jetzt sind beide deutlich erwachsener, aber immer noch beste Freunde...


Es geht weiter...

Wahnsinn, wie schnell der kleine Mann weiter wächst! Mit der Größe wachsen auch die Aufgaben: Wir haben bereits ein Cavaletti gestürmt (wobei gestürmt sehr beschönigt ist, Nouri ist mit seinen Storchenbeinen mehrmals hinübergestakst) und ich habe ihn parallel eingeparkt und bin auf das Cavaletti gestiegen, um den Rücken zu kraulen. Nach einem kurzen, misstrauischen Blick war alles gut. Beim Spazierengehen sind wir auch mittlerweile im "Kindergarten" angekommen: Nouri geht bereits am Strick entspannt eine Runde um mich herum, und er passt sich im Schritt und Trab meinem Tempo an. Zwischenzeitlich hatten wir das Problem, dass der junge Mann meinte, sich jede Blume am Wegesrand anschauen zu müssen - die lange Bodenarbeitsgerte kommt seitdem wieder auf die Spaziergänge mit. Auch das Kommen auf der Wiese klappt nach wie vor recht gut, manchmal braucht es zwar noch eine Extraeinladung, dafür folgt er mir dann frei über die Wiese zurück zum Tor. Unsere letzte Übung war das Senken des Kopfes: Ich wollte Nouri gerne so früh wie möglich beibringen, auf leichten Druck im Genick (mit zwei Fingern!) den Kopf zu senken. Beim ersten Mal hat es etwas gedauert, der Trick war, genau im richtigen Moment den Druck wieder wegzunehmen. Nachdem Nouri das 1-2 Mal ausprobiert hatte, muss ich nun nur noch die Finger hinter die Ohren legen und der Kopf sinkt nach unten. Er ist einfach unglaublich fein und ich bin sehr glücklich, dass er mir viele Dinge so leicht macht. Hoffentlich geht es genauso weiter! Die nächsten, im wahrsten Wortsinn einschneidenden Schritte werden die Kastration und der Umzug zu Nobody und mir nach Hamburg sein, ich kann es gar nicht erwarten, meine beiden "Jungs" endlich zusammen zu haben! 


Umzug geschafft!

Es ist geschafft: Endlich habe ich meine beiden Pferde zusammen an einem Ort! Nach 1 1/4 Jahr in der Jungpferdeherde ist mein kleiner Nouri nun zu mir und Nobody nach Leversen gezogen, und die beiden haben sich sofort prächtig verstanden. Leider hatte Nouri zuvor durch eine Infektion stark abgebaut, so dass in den ersten Wochen intensive Pflege und Wiederaufpäppeln angesagt waren, aber so ein Wüstenwind lässt sich nicht unterkriegen - ziemlich schnell war alles wieder im grünen Bereich. Und da wir nun schon mal einen Roundpen zur Verfügung haben, wurde Nouri auch direkt aus dem Kindergarten in die Vorschule versetzt und erlernt nun Schritt für Schritt die Grundlagen der Bodenarbeit. Ich habe ihn zunächst frei im Roundpen gearbeitet und das Treiben und Anhalten über Körpersprache geübt. Sehr geholfen hat mir dabei die Lektüre "Mit Pferden tanzen" von K. F. Hempfling. Vieles daraus konnte ich direkt umsetzen, und es ist unglaublich, wie schnell und fein so ein junges Pferd auf die kleinsten Veränderungen von Körperhaltung und - spannung reagiert! Der freie Gangartenwechsel klappt schon im Schritt und Trab, wir arbeiten auch am Angaloppieren (und, wer hätte es gedacht, Nouri ist links hohl und hat daher Probleme, rechts im Handgalopp anzuspringen). Mittlerweile nutzen wir zusätzlich auch das lange Bodenarbeitsseil und üben das "Jojo Game" und "Circling Game" aus dem PNH. Nouri lässt sich schon brav zurückschicken und wartet ab, bis ich ihn wieder zu mir einlade. Auch das Herumschicken im Kreis klappt schon ganz gut, allerdings nicht zu lange, denn die Gelenke sollen ja auch noch die nächsten dreißig Jahre halten... Daneben stehen natürlich weiterhin gemeinsame Spaziergänge auf dem Plan (was gerade ganz gut passt, da Nobody wegen eines leichten Reheschubes ebenfalls Schonfrist hat), und bald werde ich auch das Thema "Reiten mit Handpferd" angehen. Momentan genießen meine Beiden jedoch hauptsächlich die Freiheit ihrer Wiese und ich die gemeinsame Zeit mit meiner kleinen "Pferdeherde".


Kastration überstanden

Nachdem sich Nouri weiterhin gut eingelebt und auch seine ersten Schritte als Handpferd gut gemeistert hatte, stand nun die nächste Veränderung ins Haus: Anfang Oktober wurde Nouri kastriert. Leider hatte mein kleiner Wüstenwind wieder etwas Pech und kam nicht so einfach wie geplant durch den Eingriff. Eine Seite war leicht entzündet, dadurch ging es Nouri kurzfristig nicht so gut und er hatte wenig Hunger. So konnte man leider täglich sehen, wie er Kilo um Kilo abnahm. Zum Glück ist das jetzt überstanden, Nouri frisst wieder mit Appetit und legt hoffentlich die verlorenen Kilos schnell wieder zu. Aber: Eine Kastration ist wohl doch nicht so leicht wegzustecken, wie ich zuerst gehofft hatte! Ich freue mich aber trotzdem, dass er nun alles hinter sich hat und bald auch wieder ein richtiges Herde-Pferde-Leben führen kann! 


Nouri wird erwachsen(er)

Nach dem Verheilen der Kastrationswunde konnte Nouri im November nun endlich zu den anderen in die Herde! Was mich sehr gefreut hat zu sehen: Nobody nimmt seinen Job als "kleiner Onkel" wirklich sehr ernst und hat Nouri, besonders die ersten Tage, nicht aus den Augen gelassen. Er hat bestimmt, wo und mit wem Nouri frisst, mit wem er spielt und so weiter. Und notgedrungen (was tut man nicht alles für die Jugend...) muss er jetzt öfters beim Jungvolk mitspielen, wenn er weiterhin auf seinen kleinen Wüstenwind aufpassen möchte. Der Nebeneffekt dadurch war, dass Nobody zusehends selbstbewusster geworden ist! Der kleine Nouri tut ihm wirklich gut, und es ist deutlich zu merken, ob wir alleine oder mit "Baby an Bord" ausreiten - Nobody bewegt sich dann plötzlich, als wäre er wieder 5... Dadurch, dass unsere Herde so altersgemischt ist, hat Nouri schnell Anschluss gefunden und tobt tagein, tagaus mit den anderen, nachts steht er dafür mit Nobody im Offenstall. Interessant ist auch zu beobachten, wie die älteren Pferde teilweise schlichtend oder beruhigend eingreifen, wenn das ganze Gerangel der Youngsters zu aufdringlich wird. Ich arbeite weiterhin mit Nouri im Roundpen, er lässt sich mittlerweile recht leicht am Bodenarbeitsseil "circlen" und auch die ersten Anfängerschritte Schulterherein am Bodenarbeitshalfter haben wir schon ausprobiert. Im Freilauf kann ich immer besser Richtung und Gangart bestimmen, auch wenn der kleine Mann dabei manchmal in den Arabermodus wechselt und dann nur noch Mähne, Hals und Beinchen fliegen... Neulich habe ich das erste Mal ein Cavalletti aufgestellt, und Nouri ist, in Begleitung von Nobody, das erste Mal "gesprungen". Auch die Ausflüge als Handpferd, immer an Nobodys Seite, machen ihm sichtlich Spaß, und wir sind neulich sogar ein Stückchen gemeinsam galoppiert. Er legt weiterhin gut zu, ist mittlerweile 1,44 m groß und wird immer mehr zum kleinen Pferdchen. Auch sein Ausdruck wird immer erwachsener. Ich bin gespannt, wie er sich im nächsten Jahr weiter entwickelt und freue mich jetzt schon auf die Kappzaumarbeit im nächsten Sommer...


"Meinst du das wirklich Ernst?"

Nun ist es auch bei uns endgültig so weit: Nouri wird erwachsen, selbstbewusster, stärker und damit stellt sich für ihn immer öfter die Frage: "Meinst du das wirklich ernst?" Ein ganz normales Verhalten, welches in der Pferdeherde das Überleben sichert. Denn warum sollte ich mich als junges Pferd jemandem anschließen, der sich nicht sicher ist? Das Leittier wird dementsprechend auf "Herz und Nieren" geprüft, und nur, wenn diese Prüfung zufriedenstellend verlaufen ist, kann man diesem Tier dann auch sein Leben anvertrauen. Da Nouri nun einmal nicht wild in einer Pferdeherde, sondern mit Menschen aufwächst, muss auch ich jetzt diese Prüfung über mich ergehen lassen - Hurra... Dabei fängt es so klein und harmlos an: Ein schneller Blick, bevor gedrängelt wird. Ein kurzes Diskutieren beim Aufhalftern oder beim Hufegeben. Das Wegdrehen beim Reinholen, wo er vorher immer freudig auf mich zugekommen ist. Der kleine Schritt, obwohl man eigentlich schon gesagt hatte: "Bleibe bitte stehen." Und all diese Kleinigkeiten kommen nicht einmal, sondern immer wieder (ich glaube, jede Mutter eines dreijährigen Kindes kann genau verstehen, wovon ich rede ;o) ). Wie wichtig ist es da, selbst immer wieder genau so "kleinlich" zu reagieren. Ruhig, aber konsequent und bestimmt. Im Notfall tausendmal. Auch wenn der Geduldsfaden strapaziert wird, auch wenn es so leicht ist, diese Kleinigkeiten zu übersehen oder zu übergehen und damit zu akzeptieren. Aber ich weiß aus Erfahrung: Genau darauf kommt es kann! Kleinigkeiten sind leicht und schnell zu beheben, aber wenn das Pferd in dieser Phase keine Sicherheit erfährt, wird es schnell gefährlich. Dann wird aus dem "niedlichen" Anstupsen plötzlich ein gar nicht mehr so niedliches Umrennen, aus dem kleinen Zucken beim Hufegeben plötzlich ein schmerzhafter Tritt und aus dem Wegdrehen beim Reinholen ein stundenlanges Fangenspiel. Ich nehme also die Herausforderung gerne an: Ja, ich meine es ernst mit dir! Und ganz nebenbei, unglaublich niedlich ist es auch. Wenn da der kleine Wüstenwind durch den Auslauf tobt, auf mich zugaloppiert und dann direkt vor mir eine Vollbremsung macht, nur um zu schauen, ob ich zur Seite trete - ich freue mich darüber, denn es zeigt mir, dass ich ein selbstbewusstes, fröhliches Pferd habe, das gesund heranwächst. 


Hurra, ich bin ein Schulkind...

Wie bei den Kindern ist es auch bei den Pferden ganz plötzlich soweit: Aus den vermeintlichen "Babys" sind Schulkinder geworden. So auch bei meinem kleinen Nouri - vor einigen Wochen fehlte auf einmal ein Schneidezahn! Auch insgesamt zeigt Nouri, dass er so langsam bereit ist, ernsthaft etwas zu lernen. Daher haben wir mit den ersten Schritten der Ausbildung angefangen. Ich habe Nouri jetzt bereits mehrmals einige Minuten am Kappzaum longiert, und auch die Arbeit an der langen Seite (vorwärts - stopp - rückwärts - stopp - vorwärts...) sowie das Mobilisieren der Hinterhand stehen mittlerweile auf dem Programm. Gestern dann der nächste Meilenstein: Nouri hat zum ersten mal einen Sattel getragen! Immer wieder hatte ich den Sattel ganz nebenbei bereits auf seinen Rücken gelegt, und gestern habe ich nun das erste mal (ganz vorsichtig!!!) angegurtet und bin so eine kleine Runde mit ihm spazieren gegangen. Zum Glück hat er sich nicht erschrocken, sondern blieb ganz ruhig und hat sich sogar getraut, mit dem fremden Ding auf seinem Rücken anzutraben. Bei allem, was ich gerade mache, zeigt sich, wie unausbalanciert Nouri natürlich ist. Er muss ja erst lernen, Bewegungen langsam, koordiniert und auf den Punkt auszuführen, und auch erst die entsprechende Muskulatur dafür entwickeln. Besonders die exakte, runde Kreislinie an der Longe (und dann auch noch im möglichst taktreinen Trab...) ist für ihn sehr schwer. Völlig unvorstellbar ist der Gedanke für mich, sich auf so ein junges Pferd ohne große Vorbereitung einfach zu setzen und "losreiten" zu wollen. Ich erlebe jetzt das erste Mal konkret in der Praxis, wie viel Sinn die langfristige Ausbildung des rohen Pferdes an der Hand macht. Nur so können langfristig durch die Entwicklung der korrekten Muskulatur körperliche Schäden vermieden werden, und für den Reiter ist es natürlich ungemein viel sicherer, sich auf ein bereits relativ ausbalanciertes Pferd zu setzen. Ich warte also gerne noch ein Jahr und werde Nouri in dieser Zeit gründlich und schonend vom Boden aus auf sein Leben als Reitpferd vorbereiten.